Bericht der HAZ vom 13. März 2010 über die Krippen-Unterschriftenaktion
Kein Platz in der Krippe
2550 Krippenplätze sind besetzt, die Wartelisten sind lang: Für vielen Kinder gibt es keinen Platz in den Kinderkrippen. Einige Eltern haben jetzt einen Verein gegründet, um den Druck zu erhöhen, damit Stadt und Land mehr Plätze für ein- bis dreijährige Kinder schaffen.
Zuerst hat die Stadt uns Hoffnung und Mut gemacht, die Absage kam dann wie ein Schlag ins Gesicht“, berichtet Sabine Engelking. Die 35-Jährige wollte im vergangenen Jahr mit einer Privatinitiative einen Kinderladen für ein- bis dreijährige Kinder gründen – auch um dort ihre Tochter Ella Mia unterzubringen. Denn trotz vieler Bewerbungen in der ganzen Stadt hatte Engelking für die Eineinhalbjährige keinen Krippenplatz gefunden.
Wie der Mutter von Ella Mia geht es auch vielen anderen Vätern und Müttern in Hannover. Die rund 2550 Krippenplätze sind besetzt, die Wartelisten sind lang. Einige Eltern haben jetzt einen Verein gegründet, um den Druck zu erhöhen, damit Stadt und Land mehr Plätze für ein- bis dreijährige Kinder schaffen. Am Freitag stellte der Verein Immerda seine Initiative in Hannover vor.
Ella Mia ist jetzt 30 Stunden in der Woche in einer Großpflegestelle, damit Mutter Sabine 24 Stunden arbeiten kann. Für die Unterbringung ihrer Tochter bezahlt sie fast 700 Euro monatlich, von ihrem Einkommen bleibt kaum etwas übrig. „Ich bin Personalbetreuerin“, berichtet die Mutter. „Wenn ich ein paar Monate nicht arbeite, bin ich wegen der ständigen neuen gesetzlichen Bestimmungen gleich wieder raus.“ Wenn sie die dreijährige Elternzeit genommen hätte, wäre eine zeitaufwendige Schulung nötig gewesen.
Immerda sammelt jetzt Unterschriften für mehr Krippenplätze in Hannover. Mehr als 200 Unterzeichner sind es schon im Internet (www.mehr-krippenplätze-in-hannover.de). In den kommenden Tagen sollen die Listen an Treffpunkten von Eltern ausgelegt werden, beispielsweise in Hebammenpraxen und Familienbildungsstätten. Der Verein fordert einen zügigeren Ausbau noch vor dem Beginn des Rechtsanspruchs auf einen Krippenplatz im Jahr 2013.
Die Stadt Hannover müsse endlich merken, dass viele Eltern ein großes Problem hätten. „Manche können wegen der fehlenden Kinderbetreuung nicht arbeiten, da haben einige auch ein finanzielles Problem“, berichtet die Sprecherin des Vereins, Ilka Sommer. Und wenn die Kommune nicht genügend Geld zur Verfügung habe, müsse das Land der Stadt unter die Arme greifen, sagte Sommer.
Im vergangenen Jahr hatten mehrere Initiativen versucht, in Hannover private Kinderläden für Krippenkinder zu gründen. „Die Stadt hat uns dann aber enttäuscht“, berichtet Sommer. Als zum Jahresbeginn schon vieles geregelt war, kam von der Stadt die überraschende Nachricht, dass das Geld für den Ausbau der Krippenplätze bis zum Jahr 2013 verplant sei und keine neue Initiative mehr unterstützt werde.
„Jetzt bekommen wir für unsere Kinder gar keine Plätze mehr, weil sie zu alt werden“, erläuterte Sommer. Viele Kinderläden sähen das Alter von eineinhalb Jahre als besten Zeitpunkt für den Eintritt in die Krippe an. Nils Burda versteht nicht, dass die Stadt die neuen Elterninitiativen ausgebremst hat, obwohl diese ihnen viel Arbeit abgenommen hätten. „Wir hätten die Immobilie gesucht, die Genehmigung beantragt und die Erzieher eingestellt“, erklärt der Student. So bleibt seine Tochter, die zweijährige Helene, weiterhin ohne Krippenplatz. Und Mutter Johanna muss zu Hause bleiben und kann nicht arbeiten.
[Redakteur Mathias Klein]
Quelle: http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Kein-Platz-in-der-Krippe
HAZ berichtete am 12. Januar 2010 über die Betreuungsplatzsituation

Stadt Hannover sagt Elterninitiativen ab
Die Stadt Hannover hat ihre Pläne für den vorgeschriebenen Krippenausbau bis 2013 inzwischen festgeklopft – und hat bereits Elterninitiativen ausgebremst, die kurz vor der Gründung eines Kinderladens in Hannover-Mitte standen.
Bei den Elterninitiativen herrscht Enttäuschung. „Wir sind sehr enttäuscht. Der Grad der Verzweiflung ist schon groß, bevor man sich zur Gründung eines Kinderladens entschließt“, sagt Ilka Sommer vom Verein „immerda“. Die Vereinsmitglieder hätten zuvor etliche Monate, zum Teil auch mehr als ein Jahr nach Betreuungsplätzen für ihre Kinder in Hannover gesucht. „Das müssen wir jetzt wieder verstärkt tun“, sagt auch Jan Haude, dessen Frau Anne Bonfert wieder arbeiten will, sobald Sohn Bente im Sommer ein Jahr alt wird.
Als der Verein Mitte Dezember bei der Stadt anfragte, wurden die Eltern per Telefon noch freudig ermuntert. Doch einige Tage später beim persönlichen Gespräch hatten die Mitarbeiter ihre Planungsdaten abgeglichen. „Wir bekamen wohl die allererste Absage“, sagt Ilka Sommer. Sie selbst bietet ein drastisches Beispiel für die schwierige Lage. Die Sozialwissenschaftlerin hat nach einem Jahr Elternzeit vor vier Monaten wieder zu arbeiten begonnen. Sie ist in der Politikberatung tätig und pendelt dafür nach Berlin. Das ist nur möglich, weil die Mutter der 30-Jährigen sich für ein Jahr von der Arbeit freistellen ließ und jede Woche von Essen aus für drei Tage zur Betreuung der Enkelin nach Hannover kommt. Eine Absage bekam auch der Kinderladen „Michel und Ida“, der Mitte Februar mit einer Gruppe in der List startet. Die Eltern hatten eine zweite Gruppe gründen wollen. „Unsere eigenen Kinder sind damit versorgt. Aber wir bekommen viele Anrufe von verzweifelten Eltern“, sagt Heinrike Pfohl-Horster.
Die Stadt bestätigt die Situation. Hannover hat die Mittel von Bund und Land für den stufenweisen Krippenausbau bis 2013 nahezu vollständig verplant. Man habe jetzt bereits elf potenziellen Trägern absagen müssen, die auf Zuschüsse für Umbauten hofften. Zu den Krippengründern in der Warteschleife gehören neun Elterninitiativen, ein weiterer Verein sowie die Johanniter-Unfallhilfe. „Wir haben aber großes Interesse daran, mit allen Initiativen im Gespräch zu bleiben“, betont Stadtsprecherin Susanne Stroppe. Es sei immer möglich, dass verplante Mittel kurzfristig wieder frei werden und Interessenten nachrücken können.
Hannover will bis August 2013 für Kinder bis drei Jahre auf gut 5000 Betreuungsplätze und eine Betreuungsquote von rund 38 Prozent kommen. Bundesweit wird eine Quote von 30 Prozent angestrebt. Etliche Träger und „Elterninis“ haben bereits neue Krippengruppen gegründet. Im kommenden Jahr werden acht neue Kitas gebaut.
„Das nützt natürlich Eltern, die jetzt einen Platz brauchen, wenig“, sagt Ute Dalluhn von der Kinderladeninitiative. Es gebe auch verbreitete Zweifel, dass Betreuungsplätze für 38 oder 40 Prozent der unter Dreijährigen in einer Stadt wie Hannover ausreichten. „Es ist noch völlig unklar, was passiert, wenn 2013 der Rechtsanspruch greift. Wird dann nachgebessert?“, fragt Dalluhn. Angesichts der aktuellen Situation müsse die Politik sich positionieren, ob sie die Planungszahlen erhöht.
Mehr Plätze bei Tagesmüttern
Die Stadt Hannover will bis August 2013 rund 5000 Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren anbieten. Dazu hat die Verwaltung einen Stufenplan ausgearbeitet. Im Januar 2009 wies Hannover für unter Dreijährige 2300 Plätze in Krippen aus. Jährlich sollten von 2009 bis 2013 weitere 300 Plätze in Kindertagesstätten und ähnlichen Einrichtungen wie Kinderläden dazukommen, sodass die Zahl der Krippenplätze insgesamt um 1500 steigen und schließlich im August 2013 bei 3800 Plätzen liegen sollte. Außerdem sollten verstärkt Kinder von Tagesmüttern oder Tagesvätern betreut werden. Anfang 2009 gab es dort 750 Plätze, bis zum Jahr 2013 sollte diese Betreuungsmöglichkeit um 500 auf 1250 Plätze erweitert werden.
Im Verlauf des vergangenen Jahres gab es allerdings bereits leichte Verschiebungen in den Planungen. Ende 2009 kümmerten sich Tagesmütter bereits um gut 1100 Kinder unter drei Jahren. Die Betreuung in der Tagespflege stieg also bereits innerhalb eines Jahres um 350 Plätze. Als neue Zielzahl nennt die Stadt weitere 240 Tagespflegeplätze bis 2013.
In den Krippen stieg die Zahl im abgelaufenen Jahr von 2300 auf 2530 Plätze. Die rechnerische Zielgröße von 300 neuen Krippenplätzen pro Jahr wurde nicht erreicht. Als neues Ziel peilt die Stadt bis 2013 nun 1140 weitere Betreuungsplätze in Krippen an. Nach den neuen Planungen werden also 3670 statt 3800 Plätze anvisiert.
Die Stadt setzt insgesamt beim Ausbau der Betreuung für unter Dreijährige auf einen breiten Mix von etablierten und neuen Trägern. Viele Plätze entstehen durch An- und Umbauten in bestehenden Kindertagesstätten, Neubauten, Elterninitiativen und die Erweiterung oder Neugründung von Betriebskitas.”
[Redakteurin: Bärbel Hilbig]
Quelle: http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Stadt-Hannover-bremst-Elterninitiativen-aus